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Das konnten wir nicht wissen! - Wie technologische Folgen entstehen

October 25, 2020
Gastbeitrag von
Simon Hell

Jede neu entstehende Technologie bringt unterschiedlichste Möglichkeiten und Risiken. Nachdem wir in einer zunehmend komplexeren Welt leben, müssen wir ab der ersten Sekunde anfangen, über technologische Konsequenzen bewusst nachzudenken.

Simon Hell

Es ist das Jahr 2020 und wir leben in einer hoch komplexen Welt. Die Menschheit hat in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten Systeme und Technologien entwickelt, um mit dem ständigen Wachstum in vielen Bereichen mitzukommen. Einem Wachstum der Welt-Population und einem Wachstum der Wirtschaft zum Beispiel. Dies zwingt uns, auch in Zukunft auf technologischen Fortschritt zu setzen.

Wenn wir Innovationen entwerfen und neue technische Produkte auf den Markt bringen, so ist eines jedoch wichtig: Zu hinterfragen, welche Folgen unsere Erfindungen haben werden. Werden sie zu einem nachhaltigen Fortschritt für die Menschheit beitragen? Oder sind wir im Begriff, Wechselwirkungen zu erzeugen, die der Menschheit vielleicht sogar mehr schaden?

Folgen des technologischen Fortschritts vorherzusagen, ist alles andere, als einfach. Die Schwierigkeit schmälert aber nicht die Notwendigkeit, sich von Anfang an mit den möglichen Folgen auseinanderzusetzen.

Warum bewusst Folgen analysieren?

Unsere Welt ist mittlerweile schon sehr komplex, verstrickt und undurchsichtig. Wenn wir neue Technologien entwerfen, fügen wir noch mehr Komplexität hinzu. Durch die Veränderung kann es zu unvorhergesehenen, zu unserem Vorteil oder auch Nachteil exponentiellen Wechselwirkungen kommen. Wenn wir diese kennen, können wir bewusst agieren. Wenn wir uns diesen nicht bewusst sind, können wir nur mehr reagieren und hoffen.

Außerdem erwarten wir uns ohnehin von Technologie-Unternehmen, dass alle möglichen Folgen berücksichtigt werden. Immerhin werden sie für ihre Handlungen und deren Folgen verantwortlich gemacht. Als Beispiel das Hearing von Marc Zuckerberg vor dem US-Senat:

Soziale Medien haben viele Folgen losgetreten, die erst nach und nach bewusst wurden. Wer hätte zum Zeitpunkt der Erfindung des Like-Buttons gedacht, dass dieser virtuelle Knopf so weitreichende psychologische Folgen mit sich bringt.

Alle möglichen Folgen vorherzusagen, ist, wie bereits erwähnt, ein Ding der Unmöglichkeit. Was können wir aber nun tun, um den guten Willen hinter dem technologischen Fortschritt nicht zu verlieren?

Wir müssen lernen, das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen von Technologie und Gesellschaft besser zu verstehen. Nur so kann sich unser Verständnis für technologische Folgen weiterentwickeln.

Unsere Gesellschaft ist abhängig von Technologie

Wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem die Menschheit ohne die entstandenen Technologien eigentlich nicht mehr stabil funktionieren würde. Gerade während der Corona-Pandemie wird uns bewusst, dass es Technologien und Systeme gibt, die für uns zur Selbstverständlichkeit und Lebensnotwendigkeit geworden sind. Als einfaches Beispiel der Flugverkehr, ohne den unsere international aufgebauten Produktionsketten nicht mehr ordentlich funktionierten. Dies löste schnell Kettenreaktionen des Stillstandes in unserer Industrie aus.

Zunehmend sind wir auf immer mehr solcher Technologien angewiesen. Stellen wir uns nur einmal vor, es würde auf der gesamten Welt von einem Tag auf den nächsten keinen Strom mehr geben. Ein Szenario mit so unvorstellbar großem Ausmaß, dass sogar Bücher darüber geschrieben wurden [1].

Wir sind also als Gesellschaft mittlerweile abhängig geworden von unseren eigens geschaffenen Technologien. Vom elektrischen Strom, dem Licht der Glühbirne, dem Auto, dem Mobiltelefon, dem Internet, und vielen weiteren Technologien. Sie alle formen unseren Alltag.

Durch diese Abhängigkeiten folgt intensive, globale Nutzung und dadurch wiederum entstehen schlussendlich auch große Folgen für unsere Gesellschaft und die Umwelt. Bei näherer Betrachtung der Folgen, entdecken wir immer wieder, dass vor allem die negativen Folgen erst äußerst spät, vielleicht sogar zu spät erkannt werden.

Genau an diesem Punkt wird es interessant, Fragen zu stellen:

  • Können wir die Auswirkungen, die Technologien mit sich bringen, überhaupt vorhersagen?
  • Können wir die Konsequenzen (negativ und positiv) von technologischer Entwicklung zu irgendeinem Zeitpunkt beeinflussen?

Wie konnten wir das übersehen?

Wenn Technologien weltweit verwendet werden, so gibt es durch die unterschiedlichen Nutzer auch viele verschiedene Arten der Verwendung. Dadurch entstehen auch unterschiedlichste Folgen. Wie unterschiedlich diese Folgen sein können, zeigt sich in folgenden beiden Beispielen:

Das Auto

Durch die Erfindung des Autos war es erstmals möglich, dass Menschen sich schneller, als mit der Kutsche auf Land von A nach B bewegen können.

DaimlerChrysler AG - Carl Benz' Patent-Motorwagen Nummer 1

Einige Folgen:

  • Menschen können sich schneller von A nach B bewegen
  • Es ist einfacher geworden, weitere Distanzen zurückzulegen
  • Güter können über weite Strecken einfacher transportiert werden
  • Der Lebensraum eines Menschen vergrößert sich
  • Nachteil bei Verbrennungsmotoren: Wenn jeder Mensch ein Auto mit Verbrennungsmotor besitzt und intensiv nutzt, hat das weitreichende Folgend für unser Klima
  • Es sind seit Erfindung des Autos viele Menschen an Verkehrsunfällen gestorben.

Der Facebook Like-Button

Ein zuvor bereits gebrachtes Beispiel aus der digitalen Technologiewelt: Der Facebook-Like Button wurde in Facebook implementiert, um Nutzer-Interaktion zu steigern. Er sollte den Nutzern die Möglichkeit zu geben, ihr Interesse an einem Thema zu bekunden.

Einige Folgen:

  • Mehr Nutzerinteraktionen auf Facebook
  • Mehr Popularität von Facebook
  • Viele Firmen erkennen den Wert der Plattform und wollen ebenfalls präsent sein
  • Es ist möglich, Informationen für Personen immer mehr maßzuschneidern, weil der Algorithmus weiß, was gefällt und was nicht.
  • Einige Personen fangen an, „Like-süchtig“ zu werden und ihr eigenes Wohlbefinden auf eine Anzahl von Likes auf ihre Bilder zu reduzieren
  • Nutzer werden abhängig von Facebook und müssen stündlich oder gar minütlich ihr Handy checken
  • Nutzer mit vielen Likes werden immer bekannter und auch in der realen Gesellschaft relevanter
  • Teenager werden aufgrund mangelnder Likes auf ihren Inhalten depressiv

Natürlich sind dies nur einige plakative Konsequenzen dieser beiden weltweit verwendeten Technologien, aber alleine diese Punkte zeigen, wie unvorhersehbar Folgen manchmal sein können.

Wechselwirkungen technischer Entwicklung

Die oben angeführten Beispiele sind zum Teil etwas extrem. Sowohl Facebook, als auch das Auto haben unsere Gesellschaft grundlegend beeinflusst und in verschiedenste Richtungen gelenkt. Nun ist es aber interessant, diesen Folgen, die durch Technologien entstehen, auf den Grund zu gehen.

  • Wie entstehen überhaupt technologische Folgen?
  • Wie verhalten sich die Folgen?
  • Ab wann spricht man von Folgen?
„Zuerst formen wir unsere Gebäude, dann formen sie uns" - (W. Churchill)

Ähnlich funktioniert es mit der Technologie. Zum Zeitpunkt der Entwicklung haben wir es in der Hand, unsere Technologie zu formen. Wir können uns überlegen, welche Funktionen die Technologien anbieten. Sobald Technologie am Markt ist und von NutzerInnen genutzt wird, beginnen die Technologien, die NutzerInnen zu formen. Der richtige und effektivste Zeitpunkt, um sich über Konsequenzen Gedanken zu machen, ist also noch vor dem Markteintritt.

Die genauen Nutzungskontexte können dabei von uns nur abgeschätzt werden. Wie die Nutzer eine Technologie schlussendlich wirklich verwenden, kann sich nach und nach verändern und entwickeln. Diese Entwicklung des Nutzungsverhaltens ist sehr schwer abschätzbar.

"Das größte Problem mit dem Fortschritt ist - auch die Nachteile entwickeln sich weiter." - Ernst Ferstl.

Egal, welche Technologie wir entwickeln. Es wird bei jeglichem Fortschritt auch in irgendeiner Hinsicht immer negative Konsequenzen mit sich bringen. Es gibt Nachteile, nur ob diese überwiegen hängt davon ab, wie wir mit ihnen umgehen und auf sie reagieren. Verantwortungsbewusst absichern, oder gekonnt ignorieren. Zwei Grundeinstellungen, die langfristig einen großen Unterschied ausmachen.

„Die kurzfristigen Effekte neuer Erkenntnisse und Technologien werden in der Regel überschätzt, die langfristigen und SYSTEMISCHEN unterschätzt“ – Alexander Schatten

Wenn wir als Menschen über die Zukunft nachdenken, so denken wir zumeist linear. Wir überschätzen daher, welche Folgen gewisse Neuerungen und Veränderungen kurzfristig haben werden. Wir glauben, durch unsere neue Startup-Idee wird sich in zwei Jahren die Welt verändern. Die langfristigen Folgen werden jedoch oftmals unterschätzt. In 10, 20, 100 Jahren kann sich die Welt durch eine Technologie verändern und das ziemlich gravierend. Das ist für uns jedoch kaum vorstellbar.

Wir dürfen nicht aufhören, Technologie zu entwickeln

Wohin bringt uns dieses bewusste Denken an Folgen? Sollen wir Angst davor haben, wenn wir neue Technologien auf den Markt bringen? Sollen wir lieber davon absehen, weitere technologische Fortschritte zu erzielen?

Meine Antwort: Nein. Es ist essentiell, dass wir alles daran setzen, unsere heutigen Technologien weiter zu entwickeln und neues zu erforschen. Ohne neue Entwicklungen werden wir die Zukunft kaum in den Griff bekommen.

Worum es beim Entwurf neuer Technologien also geht, ist ein nachhaltiger und systemischer Fortschritt für die Menschheit. Dieser Gedanke ist uns als Deckweiss wichtig und steht in jedem Projekt an oberster Stelle. Auch, wenn es unmöglich ist, alle Folgen zu kennen, so versuchen wir von Anfang an die systemischen Folgen unserer Handlungen bestmöglich abzuschätzen.

So entwickeln wir mit bestem Wissen und Gewissen digitale Produkte der Zukunft.

[1] https://www.marcelsberg.com/en/books.php#blackout

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